Sie sind hier: www.elmar-lorey.de/Agrest/rezepte.htm
Home
Historische Agrest-Rezepte
Teil I
Was man hier
findet:
Einige typische historische Rezepte
und (weiter unten) einige Küchenexperimente
zum Potential dieser
Würze
Eine kurze Vorbemerkung sei gestattet:
Die Rekonstruktion ist immer eine Annäherung
Mittlerweile sind zahlreiche Agrest/Verjus-Rezepte im Netz zu finden. Wir wollen hier den Versuch machen, am Beispiel einiger historicher Rezepte die Entwicklung dieses Würzmittels in der europäischen Küche nachzuzeichnen. Bei der Rekonstruktion historischer Rezepte sieht sich der neugierige Koch mit einigen Herausforderungen konfrontiert, die ihn an einem mutigen Versuch aber nicht hindern sollten.
Angesichts einer auf den ersten Blick recht fremdartigen Küche, deren Kochmethoden und Basisgerichte weitgehend in Vergessenheit geraten sind, geben die Rezepte von Mittelalter bis weit in die Zeit der Renaissance mancherlei Rätsel auf. Man findet meist weder Angaben zu Mengen, Garzeiten noch Hinweise für Zubereitungsmethoden, die stillschweigen vorausgesetzt werden. Es waren eben Texte von Profis für Profis. Bisweilen ist es auch angezeigt, dem Text allein deshalb zu misstrauen, weil kochunkundige Schreiber beim Diktat des Kochs sich einfach verhört oder die Worte missverstanden haben. Eine "Fachsprache" bildet sich erst allmählich heraus. Skepsis ist selbst dann angebracht, wenn eine Garungsmethode benannt wird. Oft stellt beispielsweise das Kochen und Sieden von Fleisch und Fisch in einer Brühe nur der erste Schritt dar, dem weitere Arbeitsschritte und erneutes Kochen, Backen oder Braten folgen. Diese vor allem für das Mittelalter charakteristische Methode, bei dem sich der Eigengeschmack der Grundstoffe erheblich verändert und wichtige Sekundärstoffe verloren gehen, die wir heute zu schätzen gelernt haben, wird man mutig umgehen.
Die für die Epoche übliche Überwürzung, die neben geschmacklichen und repräsentativen (zeigen was man hat) Funktionen auch auf bestimmte medizinisch-diätetische Vorstellungen zurück geht, wird man sorgsam testen. Der Neigung, Fisch und Fleisch beispielsweise mit all zu süßen Saucen zu begleiten, wie das in den Kochbuchquellen vom 14. bis ins 16. Jahrhunderts häufig beschrieben ist, werden nur wenige Küchenliebhaber folgen wollen wobei zugleich anzumerken ist, dass auch hier manch interessante Wiederentdeckung zu machen ist, wie man an anderer Stelle (Rheingauer Hühner) nachlesen kann.
Auf jeden Fall ist der erfahrenen Kennerin der deutschen Küchen- und Kochbuchkultur, Trude Ehlert, zuzustimmen, wenn sie feststellt: Jede Realisierung eines mittelalterlichen Rezeptes bleibt also notwendigerweise Interpretation und Versuch, sich dem anzunähern, was der mittelalterliche Kochbuchautor gemeint haben könnte. Dass das Wissen unserer Zeit über Lebensmittel, über richtige und nachhaltige Ernährung dabei nicht über Bord gehen muss, wollen wir getrost gleich hinzufügen. Dieser freihändig gewählte Weg über die Zeitgräben hinweg kann überraschende kulinarische Entdeckungen bringen, wie neugierige Köchinnen und Köche bezeugen, die in letzter Zeit vermehrt in alten Manuskripten und Kochbuchdrucken studieren.
Wo gibt es die unreifen Weinbeeren?
Seit einige deutsche Winzer die Agrest-Poduktion wieder aufgenommen haben, ist die experimentelle Spurensuche in den Rezepten der traditionsreichen alten Agrest-Küche möglich geworden. Doch wie im kurzen historischen Exkurs schon erwähnt, ist dieser grüne Saft nur eine der damals gebräuchlichen Agrest-Varianten. Trotz vieler Konservierungsvorschläge, die man über die Jahrhunderte glaubte gefunden zu haben, hat die durch Hefen und Bakterien beschränkte Haltbarkeit des Produktes die Köche schon früh veranlasst, die unausgepressten grünen Beeren direkt als Zutat zu verwenden. Das gilt für Rezepte vom 14. bis weit ins 18. Jahrhundert.
Dass in zahlreichen Neuausgaben der alten Kochbuchquellen die dort erwähnten winbeeren häufig als Traubenoder Rosinen bezeichnet werden, führt jedoch nicht selten in die Irre. Aus der Kombination der Zutaten, die nach der damals geltenden Humoralpathologie (Säftelehre) und den Gesetzen der Temperier-Kunst zusammengestellt wurden, um eine diätetische Harmonisierung der Speise zu erreichen, ergibt sich oft, dass statt der süßen, reifen Trauben in Wirklichkeit die unreifen Weinbeeren gemeint waren.
Da unreife Weinbeeren nur während einer bestimmten Vegetationsphase der Rebe zur Verfügung stehen, hat man stets auch nach Konservierungsmöglichkeiten für diese Beeren gesucht. Einige der französischen Winzer bieten diese unreif geernteten Weinbeeren in pasteurisiertem Verjus konserviert wieder an. Auch hierzulande sind sie neben dem abe gureh, dem persischen Agrest, im gut sortierten persischen und iranischen Lebensmittelhandel unter dem Namen torshi gureh (= in Essig eingelegte unreife Weinbeeren) recht preiswert und für ein mutiges Experiment in der Küche zu haben. (Den konservierenden Essig sollte man vor Gebrauch allerdings abwaschen.)
Unter den im Internet bereits angebotenen Agrest-Rezepten zu denen hier auch einige der Links führen wollen wir in unserer Rezeptfolge neben historischen Rekonstruktionen auch einige zeitgenössische Experimente anbieten. Um jeweils unsere Variante für die es ohne Zweifel auch andere Lösungen geben wird als Experiment kenntlich zu machen, werden in der Regel jeweils die Originaltexte vorangestellt. Manch lohnenswertes altes Rezept, das noch auf das abschließende Experiment wartet, wird als Anregung für den Leser ebenfalls folgen.Die hier folgenden Beispiele aus dem historischen Fundus früher Handschriften und Drucke stehen weniger für die jeweilige Häufigkeit der Agrest-Verwendung. Sie versuchen vielmehr beispielhaft nachzuzeichnen, wie sich die Anwendungspraxis unter der Experimentierfreude der Köche allmählich erweiterte und veränderte. Der Rezeptanteil für Agrest ist in den einzelnen Sammlungen und Kochbüchern zwar unterschiedlich hoch. Selten sind die Rezepte jedenfalls nicht. Im Laufe der Zeit entwickeln die Köche allerdings die Vorliebe statt des Saftes, die unreifen Weinbeeren zu verwenden. In Anna Weckers Kochbuch von 1598 finden sie sich beispielsweise bei 51% der rund 385 Rezepte unter den Zutaten.
(Einige Beispiele für den Anteil an Agrest-Rezepten:
1273 Viandier: 32%; 1390 Forme of Cury: ca. 8%; 1420 Maitre Chiquart: 36%; 1529 Nola: 9%; 1606 Lancelot de Casteau: 8%; 1612 Magierus: 21%; und im "Cuisinier François", Paris 1651, dem berühmten Kochbuch des bedeutensten französischen Küchenchefs des 17. Jahrhunderts, François-Pierre de La Varenne, sind es immerhin noch 10% der Rezepte. )
Geröstetes Schwein mit Agrest nach dem "Viandier" 1273 (1518)
In der frühesten Form wird der Agrest einfach als Würzsauce verwendet, so wie wir das am Beispiel der Parzival-Szene und in der Rezeptsammlung des Buches von gouter Speise (um 1350) schon gesehen haben. In den frühen Kochbüchern spiegelt sich das in lapidar kurzen Rezeptangaben. Dafür ein Beispiel aus dem Viandier (=Lebensmittel) des Guillaume Tirell (1314?-1395), genannt Taillevent. Er war Hofkoch der französischen Könige Philipp VI. (1328-1350) und ab 1373 bei Karl V. (1364-1380). Doch eine frühe handschriftliche Sammlung, die dem königlichen Koch wohl auch als Quelle diente, stammt bereits aus dem Jahre 1273. Sein Kochbuch gilt als Grundlagenwerk der französischen Küche und bis weit ins 17. Jahrhundert wurde es in Frankreich immer wieder aufgelegt. Sein einfaches Rezept für einen gerösteten Schweinebraten am Spieß, das aus dem ersten französischen Kochbuch-Druck (Lyon um 1518) stammt, kann kaum kürzer sein; eben ein Rezept vom Kochprofi für einen Kochprofi.
Kapitel vom Gerösteten
Geröstetes Schwein mit Verjus. Einige geben dazu passierte Zwiebeln
oder Agrestbeeren (oder Agrest) und Gewürzpulver.
Zwei englische Agrest-Saucen von 1390
Auch in der englischen Küche wird der "verjous" - wie er im mittelalterlichen Englisch dort geschrieben wird - zuerst als Würzsauce eingesetzt. Hier zwei Beispiele aus der ältesten englischen Rezeptsammlung "Forme of Cury", die 1390 am Hofe von König Richard II. von England (1367-1400) niedergeschrieben wurde. Die Bezeichnung "Cury" im Titel - die freilich erst im 18. Jahrhundert vom Herausgeber einer kritischen Druckausgabe, Samuel Pegge, gewählt wurde - verweist weniger auf ein von den Köchen bevorzugtes Gewürz als vielmehr auf eine Ableitung des lateinischen cura für Aufmerksamkeit und Pflege der Gesundheit. Denn das Rezeptmaterial ist ganz und gar der hippokratisch-galenischen Diätetik und der Kunst des "Temperierens" verpflichtet, die sich die herrschaftlichen Köche seit dem 13. Jahrhundert gerade erst mühsam angeeignet hatten. Und so verweist der Autor bereits im Vorwort darauf, dass die Sammlung auch unter aufmerksamer Beteiligung von Ärzten und Philosophen nieder geschrieben wurde, was gleich auch am ersten unserer Beispiele deutlich wird: Die Mandeln werden mit Agrest/verjous temperiert.
Auf 90 Blättern enthält die alte englische Pergamenthandschrift, die als "English MS 7" in der John Rylands University Library, Manchester aufbewahrt wird, rund 200 Rezepte, von denen 15 ausdrücklich den sauren Traubensaft als Basis einer Sauce - aber noch nicht zusammen mit Eigelb als Bindung - vorschreiben. Meist sind die Angaben ähnlich knapp gefasst wie die Anweisungendes "Viandier", aus dem auch eine Reihe von Rezepten entnommen ist. Das muss nicht weiter verwundern, weil seit dem Vertrag von Bretigny (1630) immer noch der Großteil des französischen Südwestens von den Engländern besetzt war. Doch der extensive Gebrauch des Verjus, der im Viandier bei 49 von insgesamt 153 Rezepten Verwendung findet, ist um diese Zeit bei den Engländern noch nicht zu beobachten. Sie greifen stattdessen wohl immer wieder zum dem ja auch etwas herb-trockenen Wein aus Englands Süden. Die beiden Saucen (Folio 66v und 67r), die zu gebratenem Huhn serviert wurden, bieten als weitere Zutaten praktisch nur Mandeln, Ingwer, Zimt, Paradieskörner und geröstetes Brot.
Transkription:
[f66v] Cxxxiiij capouns y sode.
Take almaundes y blaunched & grynde hem
al to doust. temper hit up with verjous
& poudour of ginger. & messe hit forth.
Cxxxv. Sauce noyre for ca-
pouns y rosted.
Take the lyvour of capouns & rost hyt
wel. take aneys & grayne de paryse
gynger. canel. & a lital crust of brede
& grynd hit smale. & grynde hit up
[f67r]
with verjous & with grece of capouns.
boyle hit and serve hit forth.
Ein Pilger-Huhn von 1420
Die Köche experimentieren jedoch mit der milden Säure, die nach dem Urteil der Ärzte gesünder und bekömmlicher war als der Essig. Sie nehmen den Agrest in ihr Gewürzrepertoire auf und sehr bald wird er integraler Bestandteil der Speisen. Es entstehen komplexe Gerichte, deren schrittweise Zubereitung in größter Ausführlichkeit beschrieben werden, was in den alten Handschriften bisweilen den Raum von mehreren Seiten beansprucht. So beispielsweise bei einem Rezept für ein "Pilger-Huhn" des Maître Chiquart.
Er war Hofkoch bei Amadeus VIII. von Savoyen, der ihn 1420 beauftragte, das Wissen seiner langen Küchenkarriere aufzuschreiben, die er - wie Tailevent - schon als Küchenjunge bei Hofe begonnen hatte. Sein Traktat Du fait de cuisine gilt heute als das erste wirkliche Kochbuch Europas, weil es nicht nur die Zutaten zu einzelnen Gerichten aufzählt, sondern auch ausführliche Hinweise auf die Zubereitung und Ratschläge für die Bewältigung der logistischen Probleme gibt, die bei der Ausrichtung eines mittelalterlichen Banketts zu bewältigen waren.
Vom Verfasser dieses Schlüsselwerkes der europäischen Küchengeschichte, das heute als "Manuscrit S 103" in der Bibliothèque cantonale du Valais in Sion verwahrt wird. ist nur wenig bekannt. Dass es ihm der "grüne Saft" aber besonders angetan hatte, beweist die Tatsache, dass bei der Hälfte seiner 78 Rezepte der "verjust", wie er ihn schreibt, zu den selbstverständlichen Zutaten gehörte.
Seine Anweisung für die Zubereitung des "Pilgerhuhnes", die unten auf Folio 70r der Handschrift beginnt, reicht über mehrere Seiten. Und in der Tat war der "chapon pellerin" nicht einfach zuzubereiten: Die gerupften Hühner wurden am Spieß gebraten und nach halber Garzeit sorgfältig mit (den damals sehr beliebten) Neunaugen oder mit Aalen umwickelt. Beim weiteren Braten am Spieß wurde das herabtropfene Fett von Huhn und Fisch in der "lechfritte", einem speziellen Gefäß aufgefangen, um daraus mit Rindfleisch, Markknochen und Hammelfleisch die daudine zu bereiten, eine Sauce, die mit weißem Ingwer, Paradieskörnern, Salz, feingehackten Petersilienblättern und "Verjust" weiter verfeinert wurde. Serviert wurde das "Pilger-Huhn" auf einem silbernen Teller mit einem Bett von gerösteten und mit Käse belegten Weißbrotscheiben und mit der Sauce "Daudine" begossen. In der gleich folgenden Variante eines "chapon pellerin" ist es eine Sauce namens "jance" aus Mandeln und Agrest.
Die Köche machten es sich aber nicht immer so kompliziert. Wenn sie mit ihrer Herrschaft auf Reisen waren, musste es auch einfacher gehen, was eine zeitgemäße Rekonstruktion ihrer Rezepte erheblich verlockender erscheinen lässt:
Spansau-Happen nach Marx Rumpolt 1581
Hier handelt es sich um eine historische Variante von Finger-Food, die wir dem Kurmainzischen Mundkoch Marx Rumpolt (1581) abgelauscht haben und die man sich in einer Straußwirtschaft oder einer Gutsschänke gerne servieren lassen würde. Nachdem er im Kapitel über die "dreissigererley Trachten von der Spansaw" Bratwürste zusammen mit Sauermilch, die mit Ingwer gewürzt ist, als regionale Spezialität apostrophiert hat ("Also isset mans am Reinstrom vnd Mayn gern"), beschreibt der ursprünglich aus Ungarn stammende Marx Rumpolt, Koch des Mainzer Kurfürsten Daniel Brendel von Homburg (1523-1582), kleine Spanferkel-Pasteten, die nur so groß sein sollen, dass einer eine auff einmal kan in das Maul schieben". Hier haben wir nicht nur ein Beispiel für die doppelte Garung, sondern auch für eine typische Verwendung der Agrest-Beeren.
17. Oder mach kleine Pasteten / daß einer eine auff einmal kan in das Maul schieben / Nimm das Fleisch / vnd laß gar an die statt sieden / hack es mit einem Speck / oder ist es vorhin feißt / so (be)darffstu kein Speck / nimm darvnter kleine Rosein / machs ab mit Pfeffer / Saffran / vnd ein wenig Essig / mach es eyn in die Pasteten. Hastu kein Weinbeer / so nimm Agrastbeer oder Groselbeer (Johannisbeeren) / saltz es gelind / vnd mach sie nicht grösser / als dz du ein auff einmal kanst in das Maul schieben / so seindt sie gut vnd wohlgeschmack.
Zubereitung:
Unser Vorschlag (für 4 Personen):
400 g Bratwurtsbrät (als Ersatz für gehacktes und gesottenes Spanferkel),
50 g Rosinen, in einem kräftigen Schuss Agrest 2 Stunden einweichen.
1 Eigelb
5 bis 10 cl Agrest
Fertiger Blätterteig
Geschlagenes Ei zum Bestreichen
Bratwurstbrät mit Rosinen vermischen, Eigelb mit Agrest aufschlagen und unter die Masse geben, nach Belieben mit Safran und Pfeffer nachwürzen..
Aus dem Blätterteig kleine Stücke schneiden (etwa 10 x 10 cm), eine Portion Fülle aufschichten, Ränder mit geschlagenem Ei bestreichen, Blätterteigteil zuklappen. Ränder mit der Gabel festdrücken und mehrmals in die Pastete einstechen.
Die Pasteten mit geschlagenem Ei bestreichen und bei 190 - 200 Grad konventionell ca. 25 bis 30 Min. backen.
Kann warm, kalt und aufgewärmt serviert werden.Fernsehkoch Marc Kunkel hat sich
von diesem Rezept anregen lassen.
Hier gehts zum Video
Das päpstliche Huhn in Agrest nach Bartolomeo Platina 1542
Von schlecker bisslein, wie mans zu Rom am Bapsteshoff geren isset berichtet uns das Kochbuch des Humanisten und Historiographen Bartolomeo de Sacchi, der 1421 als Sohn armer Eltern in Piadena, bei Cremona, geboren wurde und sich später nach der latinisierten Form seines Geburtsortes Platina nannte. Anfangs war es sein Plan, Soldat zu werden. Doch glückliche Umstände fügten es, dass er unter einer Reihe von Kardinälen und Päpsten eine steile Karriere macht und 1475 schließlich unter Papst Sixtus IV zum Leiter der päpstlichen Bibliothek berufen wurde.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hatte er sich vor diesem Buchprojekt höchst selbst bei einem fürstlichen Koch in die Lehre begeben, davon ich die guten bißlin zuberaiten gelernt hab, wie er gleich in einem der ersten Kapitel nachdrücklich betont. Sein Buch De honesta voluptate erschien 1474 in Venedig und noch im gleichen Jahr auch in Rom. Es ist das erste gedruckte Kochbuch überhaupt und hat die europäische Küchenkultur entscheidend geprägt.
Unter dem Titel Von der Eehrlichen, zimlichen, auch erlaubten Wolust des leibs erschien das Buch 1542 in Augsburg in deutscher Übersetzung und wurde ein Bestseller.
Ayn junges Hühn inn Agrest.
Koche erstlich das junge Huhn mit Salz und so es halb gekocht ist, so nimm Weinbeeren mitten von den Trauben am Stock und tue sie in eine heiße Pfanne. Zerschneide Petersilie, Balsamkraut, zerstoße Pfeffer und Safran zu Pulver. Dies alles gib in die Pfanne zum Huhn und richte es an so es gar ist. Ist gut und gesund, nähret wohl, wird leicht verdaut und nutzt dem Herzen, Magen, Leber und Nieren und beruhigt das Blut.
Unser Vorschlag :
(für 4 Personen)
1. Agrest
An Stelle von 20 cl Agrest aus dem neuen Angebot könnte man ihn im Sommer selbst bereiten oder im Herbst, nach der Weinlese, findet man in den Weinbergen oft auch noch die "Geize".
200 Gramm unreife grüne Trauben waschen, von den Kämmen zupfen und in einer Kasserolle langsam erwärmen, mit Gabel oder Mörserstößel zerdrücken und kurz aufkochen lassen. Vom Feuer nehmen und durch ein Tuch oder ein Sieb drücken. Der Saft lässt sich gut gekühlt ca. 14 Tage bis drei Wochen aufbewahren.
2. Das Huhn
Vier Hühnerschenkel am Gelenk zerteilen, salzen und pfeffern und mit 100 Gramm grünem Speck in Würfeln (oder auch in Olivenöl) langsam anbraten bis sie Farbe angenommen haben, ein wenig Agrest und Hühnerbrühe beigeben und 30 bis 40 Minuten bei 180 Grad (konventionell) im Backofen backen. Mehrmals begießen. Die Hühnerschenkel auf einer Platte warm halten.
Den Fond etwas entfetten, mit dem Agrest ablöschen (deglacieren) und Safran, gehackte Petersilie und Minze einrühren. Nach Belieben mit einem guten Teelöffel gemahlener Mandeln (geschält) oder (besser) mit einem Stück kalter Butter binden. Mit der Sauce im gewärmten Teller einen Spiegel bilden, Hühnerstücke darauf setzen, mit einem Rest Sauce nappieren (bedecken) und mit Minzeblättern garnieren (der deutsche Übersetzer Stephan Vigilius nannte es "Balsamkraut").
Hinweis:
Seien Sie großzügig für sich und Ihre Gäste: Safran ist teuer. 0,1 Gramm gemahlen kostet im Supermarkt ca. 1,60 Euro, beim Fachhändler kostet 1 Gramm zwischen 3,50 bis 4 Euro. Gönnen Sie sich mindestens 0,5 Gramm für dieses traditionsreiche Gericht, das man im 15. Jahrhundert schon am päpstlichen Hof serviert hat.
Als Beilage:
Gewürfelte Zucchini mit etwas Knoblauch in Olivenöl gedünstet, abgewürzt mit Salz, Pfeffer und einem Rosmarinzweig.
Kleine Anmerkung
Es handelt sich hier also nicht um jenes "Päpstliche Huhn", das Clemens Wilmenrod in den 50er Jahren seinen Fernsehzuschauern anbot und das aus dem Kochbuch des Bartolomeo Scappi (um 1500-1580) stammen sollte. Statt mit Agrest wurde es mit Kirschsauce zubereitet, die zweifellos zu Scappis Spezialitäten gehörte. Aber wie wir noch sehen werden, empfahl der Nachfolger Platinas und berühmte Renaissance-Koch Scappi, diese Kirschen und auch die von ihm so geschätzten Trockenpflaumen in der entsprechenden Jahreszeit (Juli bis September) durch frischen Agrest zu ersetzen.
Eine Fülle nach Bartolomeo Scappi 1570
Die weltläufige Kunstfertigkeit Platinas oder des oben genannten kurmainzischen Mundkochs Marx Rumpolt konnte sich sehr wohl mit den Spitzenköchen seiner Zeit, wie etwa dem päpstlichen Mundkoch Bartolomeo Scappi (um 1500 um 1580), messen. Dessen rund 1.000 Rezepte umfassendes Kochbuch Opera dellarte del cucinare war schon im Jahre 1570 in Venedig erschienen. Von seinem dreißigsten Lebensjahr an bis zu seinem Tode diente Scappi gleich fünf Päpsten. Nimmt man den bedauernswerten Marcellus II. noch hinzu, der seine Wahl nur um 22 Tage überlebte, war es gar ein halbes Dutzend. Scappis Kochbuch, in dem bereits Gewichtsangaben berücksichtigt sind, beeinflusst die europäische Küche der Renaissance in ähnlicher Weise wie das seines Vorgängers Platina.
Die Fleischzubereitung beschränkt sich in dieser Zeit neben dem Sieden auf das Braten am Spieß, auf dem Grill oder in der Pfanne. Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts ist die Kunst des Ofenbaus (Fournologie) soweit fortgeschritten, dass zumindest herrschaftliche Köche über einen eigenen Backofen in ihrer Küche verfügen.
Zur Verfeinerung der am offenen Feuer zubereiteten Fleischspeisen diente entweder eine Reihe von eigenständigen Saucen (siehe oben) oder die Köche griffen zu variantenreichen Farcen und Füllungen. Ähnlich wie bei Rumpolt gehörten neben raffinierten Kreationen wie Wildente in Pflaumensauce vor allem die unterschiedlichsten Füllungen zu Scappis Favoriten. Bei den Grundrezepten, um jede Art von vierfüßigen Tieren oder Geflügel zu füllen, die man auf dem Spieß braten möchte spielen die uva spinosa oder agresto intiero (grüne Beeren oder Agrest) eine zentrale Rolle. Wann immer die Saison es zuließ, sollten sie die üblicherweise verwendeten Trockenpflaumen und Kirschen ersetzen.Per far diverse compositioni, delle quali si potrà empire ogni sorte
danimale usati, si quadrupedi come volatili che si vorranno arrostire nello spedo. Cap CXV.
Verschiedene Farcen zu machen, um jede Art von vierfüßigen Tieren oder Geflügel zu füllen, die man auf dem Spieß braten möchte.
Nimm vier Pfund grünen ungesalzenen Schweinespeck und hacke ihn mit einem Messer in feine Stücke, zwei Pfund Leber vom Zicklein oder von anderen vierfüßigen Tieren oder Geflügel und schneide sie in feine Stücke. Füge dazu Minze, Majoran, Salbei und fein gehackte Petersilie und vier rohe Eigelb, eine Unze (ca. 30 gr) Gewürzmischung aus Pfeffer und Zimt, eine halbe Unze Nelken und Muskatnuss sowie ein halbes Pfund zerstoßene Pflaumen und Sauerkirschen, oder auch süße getrocknete Kirschen. Zur Sommerzeit nimm Agresto oder grüne Trauben. Mische alles zusammen mit geriebenem Käse, Knoblauch und gebratenen Zwiebeln.
Scappis Fülle aus dem 2. Buch stellt nicht nur eines seiner typischen Rezepte dar, die überall in Europa kopiert werden. Im Subtext liefert er uns auch einige grundsätzliche Informationen zur Verwendung des Agrest:
Neben seinen so geschätzten Pflaumen finden wir ihn hier neben der typischen Bindung aus Eigelb und Agrest zugleich auch noch in der typischen Kombination mit der Leber. Das entspricht nicht nur dem alten diätetischen Kanon einer ausgleichenden Temperierung (Leber: warm und feucht, Agrest: kalt und trocken), auch unter kulinarischem Aspekt rundet die sanfte Säure des Agrest den Geschmack der Leber auf eine Weise wie das mit Essig oder Zitrone nicht zu erreichen ist. Nicht zuletzt verweist die Bemerkung zur Sommerzeit auf den saisonalen Charakter des Agrestes.Trotz der zahllosen Konservierungsstrategien, an denen sich die Köche vom 13. bis weit ins 17. Jahrhundert immer wieder versuchen, war auf diesem Wege keinesfalls jene Qualität zu erzielen, die dem frischen grünen Saft entsprach, und die mit der heutigen Methode der Pasteurisierung zu erreichen ist. Die Konservierung mit Zucker, Salz oder Essig veränderte den Charakter des Produktes in einer Weise, die seine Verwendung erheblich eingeschränkte. Die Köche hatten allerdings eine akzeptable Variante gefunden: Die frisch geernteten Beeren wurden unverletzt und möglichst noch mit einem Stielansatz in einer Salzlake konserviert. So stand auch über die Saison hinaus das Würzmittel zur Verfügung. Vor Gebrauch musste jedoch das Salzwasser von den Beeren sorgfältig abgewaschen werden, was nicht zuletzt zu jener Ermahnung führte, die in vielen handschriftlichen Rezeptsammlungen der Zeit die Zubereitungsvorschriften wie eine Schlussformel abschließt: Und versaltz es nit.
Salsa all'agresto - Varianten der traditionellen Italienischen Agrestsauce
Beispiele und Varianten für die traditionelle Salsa all'agresto finden sich bereits in den frühen lateinischen Küchentraktaten.
Im "Liber de coquina" (14. Jhd.) lautet die Anweisung noch einfach:
"Accipe basilicum et piper et tere in mortario et distempera cum agresta.
Et deficiente agresta, pone succum citranguli uel lumie"
Der Hofkoch des Patriarchen von Aquilea, Maestro Martino, von dem auch Platina zahlreiche Rezepte übernommen hatte, beschreibt sie in seinem "Libro de arte coquinaria" (Handschrift um 1465) folgendermaßen:
"Agresto verde.
Pigliarai de una herba agra che se chiama
usiglie o agrette, et pistala molto bene
seco mettendovi un pocho di sale; et ha-
verai un pocho d'agresto vecchio con
il quale la destemperarai passandola per la
stamegnia."
Platina hat 1474 auch dieses Rezept seines geschätzten Lehrers und Freundes übernommen. Sein deutscher Übersetzer Vigilius wählt 1542 für die nicht näher bestimmten "herba agra" (=säuerliche Kräuter) die Kresse. Daran schließen sich gleich weitere Rezept-Varianten an, die Platina gleichfalls von Maestro Martino übernommen hatte: Unter anderem eine Agrestsauce mit gemörserten jungen Weinblättern und eine Variante mit Knoblauch und Fenchel. Und er beschließt sie jeweils mit dem diätetischen Hinweis, dass diese Saucen positive Wirkung auf Leber und Magen haben.
Unter den Varianten, die Bartholomeo de Scappi in seinem Kochbuch von 1570 angibt, ist das Rezept 273 für die "agrestata". zum Beispiel eine warme Variante.
Regionaltypische Abwandlungen haben sich vor allem im Norden Italiens entwickelt.
Hier eine zeitgenössische toscanische Version::
½ Tasse Weißbrotkrümel ohne Rinde
1 TL Zucker
4 EL gehackte Petersilie / nach Belieben auch Basilikum
½ TL Salz
½ TL frisch und grob gemahlener Schwarzer Pfeffer
2 Zehen Knoblauch
½ Tasse Mandeln
15 cl Agrest; 3 EL Olivenöl
Alle Zutaten im Mixer wie zu einem Pesto zerkleinern und am Ende mit Agrest und Olivenöl nach Wunsch verdünnen. Zu Fleisch oder auch Pasta.
Ein "Chaudun" nach dem "Viandier" von 1518
Kehren wir noch einmal zur Ausgabe des Viandier des französischen Hofkochs Taillevent von 1518 zurück. Bei seinen Potaige lians, den gebundenen Gerichten handelt es sich meist um eine doppelte Garung, die man bei einer zeitgemäßen Adaption eher umgehen würde. Aber wir haben hier ein typisches Beispiel für die ab dem 15. Jahrhundert so beliebte Legierung, die Bindung mit Eigelb (warm + feucht) und Agrest (kalt + trocken).
Chaudun vom Schwein
Nimm in Salzwasser gesottenes Schweinefleisch, schneide es in Stücke und brate es mit Speckwürfel an. Gib Ingwer, langen Pfeffer und Safran dazu. Ebenso geröstete Brotwürfel, eingeweicht in einer Rindsbouillon oder in Kuhmilch - die Schweinebouillon eignet sich nicht wegen ihres wenig angenehmen Geschmacks - und passiere das durch ein Tuch. Nimm Agrest oder Essig - oder koche unreife Weinbeeren in etwas Wasser - und gib das kurz vor Ende der Garzeit zu dem Gericht. Rühre geschlagenes Eigelb darunter und lass alles noch einmal aufkochen.Unser Vorschlag:
Bratwürste in Stücke schneiden und mit gewürfeltem Graubrot anbraten. Mit Agrest ablöschen, mit gehacktem Ingwer, Pfeffer und Safran würzen und - sofern vorhanden - grüne unreife Weinbeeren zugeben. Zum Ende zwei Eigelb mit Agrest aufschlagen und untermischen. Servieren wenn die Sauce gebunden hat.
Die "Ur-Zwiebelsuppe" aus dem 14. Jahrhundert für König für Karl V.
Gerichte, die hierzulande als typisch französisch gelten, können in der Tat auf eine lange Tradition zurückblicken, wie man an Taillevents Rezept für die Zwiebelsuppe sehen kann. Auch wenn La Varenne und andere Köche des 17. und 18. Jahrhundert sie in anderer Richtung verfeinern, wurde diese frühe regionaltypische Variante selbstverständlich mit Verjus/Agrest zubereitet:
Zwiebelsuppe
Eine Zwiebelsuppe zu machen: Schäle die Zwiebeln
und hacke sie oder schneide sie in Ringe und lass sie langsam in
Butter bräunen. Und gib etwas Wasser dazu,
damit sie nicht anbrennen. Gib pürierte Erbsen
dazu oder Wasser und Agrest (Saft oder Beeren) sowie Petersilie.
Gefüllte Äpfel - ein Nachtisch aus dem Rheinfränkischen Kochbuch um 1445
Dass die Köche der adligen Herrschaften schon früh die Lust erfasst hat, auch für die Nachspeisen mit den Weinbeeren zu experimentieren, zeigt uns eine Handschrift, die um 1445 im Mainzer Raum wenn nicht gar direkt im Rheingau entstanden ist. Das so genannte Rheinfränkische Kochbuch (Ms. germ. fol. 244, Berliner Staatsbibliothek) wurde um die Zeit niedergeschrieben, als Johannes Gutenberg von Straßburg zurückkehrt (1444) und mit seinen ersten Druckversuchen in Mainz beginnt. Es ist Teil einer Sammelhandschrift, die neben einigen Abhandlungen zu astronomischen und astrologischen Themen einen Kalender der Diözese Mainz und eine Reihe von hauswirtschaftlichen Traktaten enthält, die sich mit der Herstellung von Tinten und Farben, mit Rezepten für Salben, Sirups, Heiltränken und diätetischen Regeln befassen. Im Kochbuchteil finden wir die sauren Weinbeeren ganz im Sinne der Temperierkunst im Sauerkraut, zusammen mit Feigen in einer Sauce oder als Zutat in Füllungen für Geflügel und Obst. (fol. 293r)
Nimm Feigen, Weinbeeren und Honig, hacke alles zusammen klein,
mische es mit Gewürzen und anderen guten Zutaten. Fülle die Masse in (ausgehöhlte) Äpfel und hefte
sie mit hölzernen Spießchen zusammen und backe es in einem Tiegel zusammen mit Wein.
Das wird gut.
Ein Basilikum-Agrest nach einem spanischen Rezept von 1529
Für alle, die nach der Weinlese in den Rebzeilen nach den übrig geblieben Geiztrauben - oder wie man früher sagte - Herlingen, suchen wollen, um daraus selbst einen Agrest herzustellen, denen bietet das Libro de guisados, das erste gedruckte spanische Kochbuch des Roberto de Nola, das 1529 in Madrid erschien, eine interessante Anregung für eine besondere Variante. In Neapel geboren, war Roberto de Nola - wie man aus den wenigen bekannten Bruchstücken seines Lebens weiß - zuerst Hofkoch bei König Ferdinand I. von Neapel (1458-1494), ehe es ihn nach Spanien verschlug. Die erste Ausgabe seines Kochbuches entstand 1474 noch in katalanischer Sprache und erst 1529 erschien in Madrid eine spanische Übersetzung.
Unter den 243 Rezepten dieser Ausgabe, in denen sich die lombardische und französische Küche mit der von der arabischen Kultur geprägten spanischen Küche verbindet, bietet Roberto de Nola auf fol. 33r eine kurze Zubereitungsvorschrift, die noch ganz von der galenisch-hippokratischen Medizin geprägt ist, die den Liebhaber der mediterranen Küche jedoch aufhorchen lässt.Para hazer buen agraz confortativo
Einen guten kräftigenden Agraz zu machen
Wenn du den Saft aus unausgereiften Trauben herauspresst, dann drücke den Saft
mit Hilfe von (zusammen mit) Stängeln oder Blättern des Basilikums heraus. Das ist
eine gute Herzstärkung und hat einen guten Geschmack.Man kann sich vorstellen, dass sich die Kombination der leichten Säure und dem in der Regel nur geringen Zuckergehalt der Geize zusammen mit dem Aroma des Basilikumkrautes hervorragend für Salate und Vorgerichte eignet - und vergleichbare Mischungen mit dem meist industriell hergestellten Balsamico weit in den Schatten stellt. Der hohe Anteil an Weinsäure, (die wie Salz und Glutamat zu den wichtigsten Geschmacksverstärkern gehört, jedoch weitaus bekömmlicher ist als letztere,) betont nicht nur das Basilikumaroma, sondern mindert zugleich auch die Oxydation. Aber auch dieser Saft sollte im Kühlschrank aufbewahrt werden.
Wie man den Agrest (Verjuys) 1612 in den Niederlanden machte
Am Ende des 16. Jahrhunderts wird die bisher seltene und teure Zitrone allmählich zur Massenware. Sie reift nun in Plantagen ums Mittelmeer und kommt von den Inseln des spanischen Königreiches. Gegenüber dem leicht verderblichen Saft aus unreifen Trauben hat sie nicht nur den Vorteil einfacherer Lagerung. Man kann sie auch geschickter dosieren. Weil sich zugleich auch die medizinische Vorstellungswelt verändert, bei der unter anderem der Agrest seine bisherige Protektion durch einen Teil der Ärzteschaft verliert, (hier mehr dazu) steigt sie neben dem Essig zum beliebtesten Säuerungsmittel auf.
Viele Köche jedoch trauern dem alten Würzmittel und seiner milden Säure nach. Um den Verkaufserfolg ihrer Kochbücher nicht zu gefährden, die nun vorwiegend für ein kaufkräftiges bürgerliches Publikum gedacht sind, folgen sie zwar dem neuen Trend. Doch zugleich halten sie die Erinnerungen an das alte Würzmittel und seine ganz andere Säure wach. So jedenfalls lässt sich eine Anweisung lesen, die ein niederländischer Koch unter den Pseudonym Antonius Magierus (= griech.: Koch) seinen Lesern im Koocboec Oft Familieren (Louven 1612) anbietet. Er macht seine Leser neugierig und wirbt für den Geschmack seiner Verjuys-Zubereitung mit den Worten: Dieser Verjus bekommt einen Geschmack als wäre er aus Zitronen gemacht, so dass man ihn das ganze Jahr über wie Essig für den Salat verwenden kann.8. Hoe men seer goeden verjuys maeken sal.
Wie man sehr guten Verjuys machen soll:
Für einige Töpfe nimm neuen Verjus (Beeren) und siede ihn in einem neuen irdenen Topf auf einen Kohlenfeuer ohne Flamme und schäume es ab. Lass es dann abkühlen bis es kalt ist und gib eine handvoll Salz dazu. Giesse es in ein Glas oder wasserdichtes Gefäß. Das wird ein guter Verjus sein, besonders wenn man einen Löffel Öl darauf gibt. Dieser Verjuys bekommt einen Geschmack als wäre er aus Zitronen gemacht, so dass man ihn das ganze Jahr durch wie Essig für den Salat verwenden kannAuch fünfzig Jahre später ist sein Kollege, der anonyme Autor des De verstandige kock (Amsterdam 1667) noch der Ansicht, dass etwa bei einem Rezept wie Nr. 62 Om een sure limoenpastay te maken (Eine sauere Limonenpastete zu machen) selbstverständlich auch noch eine Agrest-Eigelbbindung dazu gehört.
Zeitgenössisches
Das Internet hält mittlerweile ein breites Angebot an zeitgenössischen Rezepten bereit.
Wer zuvor aber Erfahrung im Umgang mit diesem alten Würzmittel sammeln will,
dem seien hier zwei Küchenexperimente empfohlen.
Zwei Küchenexperimente
Die besonderen Eigenschaften dieses Würzmittels liegen in seinem Potential als Geschmacksverstärker und - im Gegensatz zu Essig und Zitrone - in seiner sanften Säure. Grund ist der hohe Anteil an Äpfel- und vor allem Weinsäure, die in der EU auch als Lebensmittelzusatzstoff E 334 zugelassen ist. Wer sich mit diesen Eigenschaften vertraut machen will, der hat die Möglichkeit, dies an Hand von zwei recht einfachen Küchen-Experimenten zu überprüfen.1. Geschmacksverstärkung
Das Paprika-Huhn
Gerade in den Wintermonaten gehören die roten und gelben Paprika zu den wenigen Gemüsen, die uns vor allem auch wegen ihrer Farbe anlocken, obwohl wir wissen, dass sie zumeist im Süden Spaniens unter nicht sonderlich natürlichen Umständen produziert werden. Für unser einfaches Gericht werden wir sie deshalb auch von ihrer meist belasteten und wenig verdaulichen Haut befreien - und am Ende vielleicht doch eine erstaunliche Entdeckung machen.
Pro Person rechnen wir einen Hühnerschenkel und mindestens 2 oder 3 Paprika rot/gelb oder gemischt.
Hühnerschenkel würzen mit wenig Salz und Pfeffer und sanft in etwas Olivenöl anbraten. Währenddessen die Paprika gründlich waschen, mit Sparschäler schälen, in Streifen schneiden und zum Huhn geben. Die Pfanne mit Deckel in den Ofen und bei 200 Grad ca. 20 bis 25 Minuten garen.
Huhn herausnehmen, auf feuerfester Form im Ofen weiter knusprig backen. Paprikastreifen aus dem Saft nehmen und warm stellen. Zum Saft jetzt etwa die Hälfte der Menge Agrest/Verjus hinzu geben und dann auf die Hälfte oder ein Drittel zu einer sämigen Sauce reduzieren. Nach Belieben mit Salz und Pfeffer nachwürzen. Wer mag, am Ende mit einem Stück kalter Butter weiter binden.
Die knusprigen Hühnerschenkel auf den gedämpften Paprikastreifen anrichten und mit der Sauce überziehen.
Die Überraschung liegt im bemerkenswert intensiven Aroma der Paprika. Sie schmecken als hätte man sie gerade im eignen Garten geerntet.
2. Die sanfte Säure
Schon das erste gedruckte deutsche Kochbuch schwärmt von der lieblichen Säure des Agrest. Um ein Gefühl für das breite Anwendungsspektrum dieser Würze zu bekommen, arbeiten wir auch hier wieder mit nur zwei Zutaten. Dafür eignet sich eine Kombination, die vom Mittelalter bis in die Neuzeit in nahezu allen Handschriften und Kochbüchern zu finden ist: Agrest/Verjus in Verbindung mit Huhn- oder Kalbsleber. Nach dem damaligen medizinischen Verständnis (Säftelehre) war dies eine temperierte, also harmonische Kombination. Leber: warm und feucht; Agrest: kalt und trocken. Für unser Experiment schlagen wir Kalbsleber vor, die heute zumeist in gut vorbereiteten Scheiben angeboten werden.
Kalbsleber
Kalbsleber in handliche Stücke teilen, leicht bemehlen und bei geringer Hitze in Butter auf beiden Seiten sanft garen bis sie sich hell durchgefärbt hat. (Bitte nicht bräunen.) Die Scheiben herausnehmen und warm stellen. Den Fond mit einem kräftigen Schuss Agrest/Verjus ablöschen und reduzieren.
Wer jetzt die Sauce allein probiert, wird sie vermutlich für zu sauer halten. (Auch hier kann man mit einem Stück kalter Butter binden, jedoch nicht um die Säure zu verringern.) Dieses Verfahren eignet sich übrigens für jedes kurz gebratene Fleisch.
Leberscheiben auf dem warmen Teller anrichten und mit der Sauce überziehen. Und jetzt tut sie ihre überraschend abrundende Wirkung. Fragen Sie Ihre Gäste, ob sie die "Säure" entdecken.
Als Beilagen eignen sich separat gebratene Zwiebeln, Apfelscheiben und Kartoffelstampf; und für Schmecklecker: gehälftete weiße Feigen, mit Schinken umwickelt, die zusammen mit den Leberscheiben leicht gebraten wurden.
Und weil gerade Spargelzeit ist
und Sternekoch Jürgen Koch vom Laurentius in 97990 Weikersheim gerade am 11. Mai 2010 in seinem Zeit-blogg sie uns so freundlich auf den Tisch gestreut hat, hier zwei schöne klare Rezepte. Jürgen Koch ist einer der drei Tauberhasen, die schon im dritten Jahr ihren eigenen Verjus ernten.
Spargelcocktail Cru
geschälten weißen Stangenspargel (+16) schräg in dünne Blättchen schneiden,
mit Traubenkernöl, Verjus, Sherry und Honig marinieren,
mit Salz, Pfeffer, wenig Senf, Tabasco und ganz wenig Sojasoße abschmecken und mindestens 6 Stunden ziehen lassen.
Grüner Bratspargel in Verjus
geschälten Grünspargel in 5 cm Stücke schneiden und roh oder kurz blanchiert (wenn größer) in Olivenöl anbraten,
Zwiebelbrunoise (fein gewürfelte Zwiebeln) hinzufügen und unter stetigem rühren rösten (Wok!),
mit Verjus ablöschen und mit Salz, Pfeffer und Muskat in der Pfanne würzen.
Eingelegter Handkäse in Agrest
- Oder die unterschiedliche Wirkung von Weinsäure und Essigsäure
Ein schöner Imbiß zum Wein.
Man lege kleine Handkäse zwei bis drei Tage in Agrest und serviere sie dann mit Schnittlauch bestreut und etwas geröstetem Weißbrot zum Wein. Wir haben es mit den kleinen "Olmützer Quargel" (nur 0,5% Fett) aus der Käserei Birkenstock (35625 Hüttenberg) probiert. Sie bilden nach 2/3 Tagen eine kleine feste Schale - in der Art brauner Champignons -, die in ihrem Inneren eine sanfte helle Käsekugel enthält.
Eine andere beliebte Variante ist der "Handkäse mit Musik", also gereifter "Gelbkäse" AN !! Essig, Öl und Zwiebeln. Diese "Musik" ist nur ein "Zugabe". Wer in seiner großen Liebe zu dieser Variante jedoch den Fehler macht, den Handkäse IN der "Musik" einzulegen, darf sich nicht wundern, wenn der sich nach 2 bis 3 Tagen auflöst und zu einem weißen Brei auseinanderläuft. Grund ist die Essigsäure. Sie löst den Käse auf. Ganz anders die Weinsäure im Agrest. Sie erhält die Struktur des Gelbkäses und verfeinert sein Aroma.
Agrest-Trüffel - eine zeitgenössische Leckerei aus Schokolade und Agrest:
200 g dunkle Schokolade (70%) im Wasserbad schmelzen, etwas abkühlen lassen. Nach und nach mit 120 g geschmolzener Butter und 100 g gesiebtem Puderzucker sowie 45g gesiebtem Kakaopulver sowie 70 ml Agrest untermischen.
Kühl stellen, bis die Masse gerade formbar ist.
Mit zwei Kaffeelöffeln die Trüffel portionieren, in Kakaopulver rund rollen. Kühl aufbewahren.
Zum Espresso.
Folgende Rezepte sollen hier noch vorgestellt werden:
Gänsefülle nach der Kochbuchhandschrift des Meister Hans (um 1460)
Feigen-Agrest-Senf nach der Kuchenmeistrey (um 1485)
Hühnerpastete nach dem Kochbuch der Philippine Welser (1540)
Agrest-Sauce nach dem Kochbuch der Leipziger Dominikaner (um 1550)
Verlorene Eier nach Ortolf von Bayerland (13. Jhdt., Druck 1489)
Ein nützlich Agrest.Müslein nach Walther H. Ryffs Krankenbuch (1545)
Agrest-Leber-Fülle nach Anna Weckers Kochbuch (1597)
Lauchsuppe nach Pierre de la Varenne (1651)
Fleischpastete nach dem Grazer Kochbuch (1668)
Gebackene Heringe nach Florinis Hausvatter (1702)
Kräutersuppe nach Maison Rustique (18. Jhdt.)
Eingelegtes Spanferkel nach dem Brandenburgischen Kochbuch (1723)
Caré de Mouton nach dem Pariser Kochbuch (1752)
Kaninchen mit Quitten
Avocado-Tomaten-Tatar
Der schnelle Schweine-Fenchel
Cocktails
ect....
Wird fortgesetzt....
© Elmar M. Lorey 2007
Stand: 7.2010
Kontakt
[Zur Übersicht aller Seiten - Sitemap] _ _ Geschichte des Agrest __ _ _ [Zurück zur Hauptseite - Home]